Das Kannenbäckerland und seine Ausstrahlungen
Franz Baaden,
aus: "DIE SCHAULADE" Mai 1981, (erschienen auch als Sonderdruck)

Der Name «Kannenbäckerland» - vereinzelt früher auch «Krug- und Kannenbäckerland» genannt - wird erstmalig in einem Gutachten vom Jahre 1786 erwähnt. Mit diesem Namen bezeichnete man ursprünglich eine Region im vorderen Westerwald, in der in einem «Radius von 5 Meilen um Grenzhausen» seit Jahrhunderten zahlreiche tonverarbeitende Betriebe auf engstem Raum konzentriert sind.
Im Jahre 1771 waren es nicht weniger als 600 Töpfereien, die dort das überlieferte Handwerk betrieben. Sie konnten auf eine lange Tradition zurückblicken, denn schon in vorgeschichtlicher Zeit wurde hier getöpfert, wie eine Reihe von Funden aus der Hallstattzeit und weitere Funde aus der Zeit der Kelten und Römer beweisen.

Voraussetzungen für das Töpfergewerbe
Entscheidend für die Entwicklung der Keramik im «Kannenbäckerland» war, daß sich hier ausgedehnte Lager wertvoller Tone vorfanden. Die zweite wichtige Voraussetzung waren die hier vorhandenen reichen Holzbestände auf großen zusammenhängenden Waldflächen, die das erforderliche Feuerungsmaterial zum Brennen der Tonwaren lieferten. Ein Drittes kam hinzu: von Süden heraufkommend, führte eine alte Salzhandelsstraße durch das «Kannenbäckerland», unmittelbar an Ransbach-Baumbach und Mogendorf vorbei.
In einer alten Urkunde des Montabaurer Zehntbezirkes des Stiftes St. Florin (Koblenz) vom Jahre 959 wird sie als´«saltres strazza» = Sälzerstraße bezeichnet. Auf diesem Weg kam in späteren Jahrhunderten (etwa seit 1450) das für die Salzglasur benötigte Salz in das «Kannenbäckerland».
So bildeten der Reichtum an hochwertigen Tonen und Holz und später die günstige Versorgung mit Salz für den Salzbrand die besten Voraussetzungen dafür, daß sich hier ein im wahrsten Sinne des Wortes «bodenständiges» Handwerk entwickeln konnte.

Ausgrabungsfunde aus früherer Zeit
Über das im frühen Mittelalter im «Kannenbäckerland» hergestellte Steinzeug haben in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Ausgrabungsfunde auf der Burg Grenzau, in Höhr-Grenzhausen und Ransbach-Baumbach näheren Aufschluß gebracht. Danach wurde in den «Kannenbäcker» -Orten im 13. und 14. Jahrhundert bereits sogenanntes Vorsteinzeug bzw. frühes Steinzeug hergestellt. Hiervon wurden bei Kanalisationsarbeiten in Höhr-Grenzhausen ganze Ofenbesätze - teilweise mehrere übereinander gelagert - ans Tageslicht gefördert, wobei es sich durchweg um Fehlbrände handelte.
Darunter fanden sich zahlreiche kleine Tonbecher, mit einer Art Lehmglasur überzogen und mit dem charakteristischen Wellenfuß versehen. Ähnliches Frühsteinzeug von gleicher Qualität kannte man vorher in der Hauptsache von dem alten Töpferzentrum Siegburg. Die Ausgrabungsfunde beweisen, daß nicht erst die berühmten Töpfermeister von Siegburg und Raeren, die um 1586 in das «Kannenbäckerland» einwanderten, das Steinzeug und die Töpferkunst hier eingeführt haben!

Aufteilung in verschiedene Herrschaftsgebiete
Nach einem frühen Weistum der Herrschaft Vallendar von 1402 durften in Höhr nicht mehr als 3 «Ullenowen» = Eulerofen gebrannt werden. Höhr gehörte damals zur Herrschaft Vallendar, die den Grafen von Sayn- Witt-genstein zueigen war.
Diese verpfändeten später die Hälfte der Herrschaft und verkauften sie schließlich an Kurtrier. Daher kommt es, daß die Euler von Höhr und Vallendar seit dieser Zeit ihre «Ofenabgabe» von l Reichstaler pro Ofen sowohl an das Kurfürstentum Trier, als auch an die Herren von Sayn-Wittgenstein leisten mußten.
Politisch war das «Kannenbäckerland» zersplittert, da es im Mittelalter in vier verschiedene Herrschaftsbezirke aufgeteilt war. Die «Kannenbäcker»- Orte Höhr, Hillscheid und Vallendar gehörten - wie bereits erwähnt -, je zur Hälfte zu Sayn-Wittgenstein und Kurtrier; Ransbach, Baumbach, Grenzau, Breitenau, Deesen und Nauort bis 1664 zu Isenburg-Grenzau; Grenzhausen, Alsbach, Hundsdorf, Hilgert, Mogendorf und Nordhofen zur Grafschaft Wied- Neuwied; Bendorf und Weitersburg zu Sachsen-Eisenach bzw. zu den Herren von Metternich.
Die isenburg- grenzauischen Orte kamen 1664 zu Kurtrier; später auch die ganze Herrschaft Vallendar.

Da die einzelnen Landesherren schon früh die Bedeutung des mächtig aufblühenden Töpfergewerbes erkannten, ließen sie den in ihren Herrschaftsbezirken ansässigen Töpfern jede Förderung zuteil werden. In der Frühzeit wurde im «Kannenbäckerland» hauptsächlich einfaches Gebrauchsgeschirr für den Alltag hergestellt. Daneben wurden vereinzelt auch kunstvolle Kannen und Krüge gefertigt. Die ältesten erhaltenen Wappenkrüge aus dem «Kannenbäckerland» stammen aus der Zeit um 1550.

Einwanderung fremder Meister
Einen entscheidenden Auftrieb erhielt das Töpfergewerbe Ende des 16. Jahrhunderts durch die Zuwanderung mehrerer bekannter und berühmter Töpfermeister aus den Zentren des rheinischen Steinzeugs.
So zog 1586 aus der Töpferstadt Siegburg, nachdem die Töpferwerkstätten in der Aulgasse von den Spaniern niedergebrannt worden waren, der Meister Anno Knütgen nach Höhr, zusammen mit seinen Söhnen Bertram und Rütger. Wegen Streitigkeiten mit den Einheimischen zog Bertram 1614 nach Grenzau, wo ihm Graf Ernst von Isenburg- Grenzau einen Bauplatz schenkte. Anno Knütgen wurde Stammvater der im «Kannenbäckerland» heute noch weit verbreiteten Töpferfamilie Knödgen.
Gleichzeitig wanderte 1586 aus Ivoy in Lothringen der Hafnergeselle Jakob Remy in Grenzhausen ein. Er heiratete dort 1595 die Witwe Wingender und wurde als Töpfermeister in Grenzhausen der Stammvater der Töpfer-Dynastie Remy. Diese gründete vor allem in den wiedischen Orten Grenzhausen, Hilgert, Alsbach, Mogendorf und Nordhofen zahlreiche neue Töpfereien.
Von dem rheinischen Steinzeug-Zentrum Raeren bei Aachen siedelte 1595 der Meister Johann Mennicken nach Grenzau, von wo er 1600 nach Grenzhausen weiter zog. Mit ihm kamen Wilhelm und Leonhard Mennicken aus Raeren. Die drei Töpfermeister wurden die Stammväter der zahlreichen Töpferfamilien Menningen im «Kannenbäckerland».
Von Raeren zog 1593 außerdem der Meister Johannes Kalb nach Grenzau. Nach Grenzhausen wanderte Hermann Kalb als Geselle ein. Dieser ließ sich 1602 als Meister in Vallendar nieder. Weitere Mitglieder der weit verzweigten Töpferfamilie Kalb wurden in Ransbach-Baumbach ansässig, andere in Hillscheid.

1601 arbeitete in Sayn ein weiterer Töpfermeister von Raeren namens Baldem Mennicken, der sich auch «Meister Jan» nannte. Seine Nachkommen, die sowohl in Sayn wie in Ransbach ansässig waren, führten den Vornamen Baldem als Familiennamen weiter.
Mit den Töpferfamilien Mennicken und Kalf zogen um 1600 auch die Willems in das «Kannenbäckerland». Sie stellten in Höhr blau-graue Steinzeug-Kunstware in der Raeren- Grenzhausener Art her.
Kurz danach zogen Angehörige der Töpferfamilie Willems nach Ransbach. 1632 siedelten die Töpfer Leonhard und Johann Blum aus Raeren in das «Kannenbäckerland» über. Ihnen folgte die Töpferfamilie Wilhelm Schwaderlapp aus Raeren, welche sich 1654 in Grenzhausen niederließ, von wo einzelne Familienangehörige nach Höhr weiter zogen.

Waren für die Abwanderung der Siegburger Meister zum «Kannenbäckerland» vor allem kriegerische Ereignisse (Spanier 1586; Schweden 1632) maßgebend, so war für den Zuzug der Raerener Meister in erster Linie die damalige Anziehungskraft des «Kannenbäckerlandes» ursächlich. Es hatte sich längst in den verschiedenen Töpferzentren herumgesprochen, daß hier die hochwertigsten Tone lagerten, besonders für die Herstellung von Steinzeug.
Während die alten rheinischen Töpfer-Metropolen immer mehr zurückgingen, entwickelte sich das Töpfergewerbe im «Kannenbäckerland» zur höchsten Blüte, wesentlich gefördert durch den Zuzug der namhaftesten Meister ihrer Zeit. Das Überraschende ist, daß diese sprunghafte Aufwärtsentwicklung im «Kannenbäckerland» mitten im 30- jährigen Krieg stattfand, dessen Ende in den einzelnen «Kannenbäcker» - Orten oft nur noch ein halbes Dutzend bis ein Dutzend Familien überlebten! In dieser Blütezeit, an die uns viele einmalig schöne Steinzeug- krüge und Prunkkannen von höchster Vollendung in unseren Museen erinnern, überflügelte das «Kannenbäckerland» alle anderen Steinzeugzentren.

Die «Kannenbäcker» - Zunft
Die «Kannenbäcker» zu Höhr und Grenzhausen waren 1591 bereits zunftmäßig organisiert. 1603 wurde eine neue Zunftordnung für die Töpfer der Herrschaft Vallendar erlassen. 1643 gelang es, die Töpfer aus den vier Herrschaftsgebieten zu einer gemeinsamen Zunft zusammenzuschließen, die alle im Umkreis von 5 Meilen wohnenden «Kannen-» und «Krugbäcker» umfaßte.
In den Zunftordnungen wurden feste Regeln für die Ausbildung und die Ausübung des Töpferhandwerks aufgestellt, die sich bis in die Privatsphäre der Töpfer erstreckten. Es herrschte der Grundsatz, daß nur ein ehelich geborener Meistersohn das Handwerk erlernen und Meister werden konnte. Gewöhnlich war das der älteste Sohn. Die Zunft führte ein gemeinsames Zunftwappen (Abbildung: Zunftwappen von 1643 (1717), das u.a. die Wappen der vier Herrschaften im «Kannenbäckerland» enthielt. Als wichtige Erzeugnisse der in der Zunft vereinigten Euler werden Bierkrüge, Schüsseln, Kannen, Mineralwasserkrüge und Pfeifen genannt.
Allmählich traten bei der Fertigung des Steinzeugs die Reliefs und plastischen Verzierungen zurück. Die Farbe drängte stärker vor, so daß das für das «Kannenbäckerland» typische grau-blau bemalte Steinzeug, sei es kobaltblau oder manganviolett, die kunsthandwerkliche Szene beherrschte.
Nach dem 30jährigen Krieg dehnten sich die Werkstätten rasch aus. Immer mehr Töpfer arbeiteten auf engstem Raum. Das «Kannenbäckerland» wuchs zu einem Steinzeug-Zentrum mit starker Ausstrahlungskraft.

Der Vertrieb der Erzeugnisse
Während in früherer Zeit die Kaufleute aus Köln und Frankfurt selbst ins «Kannenbäckerland» kamen, um ihre Waren einzukaufen, bediente man sich seit etwa 1700 hierzu eines «Faktors» der «Kannenbäckerzunft».
Er war der kaufmännische Beamte der Zunft, wurde von dieser vereidigt und bezahlt. Seine Aufgabe war es, Aufträge zu erlangen, indem er die Messen besuchte oder die Kaufleute aufsuchte.
Die erhaltenen Aufträge mußte er innerhalb der Zunft verteilen. Ferner oblag es ihm die Herstellung der Ware zu überwachen und für ihre Verschiffung zu sorgen. Entsprechend den Haupthandelsplätzen wurde ein Faktor für das Oberland (Frankfurt) und einer für das Niederland (Köln) bestellt. Später kamen weitere «Faktoren» für andere wichtige Handelsplätze hinzu.

Die Landgänger
Ein weiterer Vertriebsweg in früherer Zeit war der Verkauf des Steinzeugs durch «Landgänger» oder «Kärrner». Die Letzteren zogen, wie der Name sagt, mit einem Karren an einen bestimmten Ort, wo sie dann von Haus zu Haus ihre Ware anpriesen. Daneben gab es die Reffträger, die zu Fuß in der näheren Umgebung ihr Geschirr in Tragekörben zum Verkauf anboten. Die eigentlichen Landgänger beförderten ihre Ware mit dem Fuhrwerk aus dem «Kannenbäckerland» nach Vallendar und von dort per Schiff nach Holland. Daher auch die Bezeichnung «Hollandfahrer». Die Landgänger zogen im Frühjahr mit Kind und Kegel los und kamen zur Martins-Kirmes (11. November) nach Hause zurück. Da sie in Holland und anderen Ländern gute Geschäfte gemacht hatten, konnten sie von dem Verdienst den Winter über leben und während der «Ruhezeit» wieder neu einkaufen.
In einzelnen Orten des «Kannenbäckerlandes» wie z. B. in Ransbach-Baumbach waren so im 18. und 19. Jahrhundert bis zu zwei Drittel der Einwohner vom Frühjahr bis November auf Achse.

Das «weiße Gold» des Kannenbäckerlandes
Der Ton, das weiße Gold des «Kannenbäckerlandes», war nicht nur für die vielen tonverarbeitenden Betriebe dieser Töpferlandschaft unentbehrlich. Aufgrund seiner hervorragenden Qualität und seiner besonderen Eigenschaften wurde er schon früh in andere Töpferregionen im In- und Ausland ausgeführt.
Bereits von der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts an war die Tonförderung zum größten Teil an Kölner Handelsleute (Lorenz Furth u.a.) verpachtet. Im Auftrag dieser Handelsleute förderten zahlreiche einheimische Tongräber den Ton, anfänglich meist mit primitiven Mitteln. Jeder, der ein eigenes Gespann besaß, half mit, den Ton aus dem Ebernhahn - Ransbach - Baumbacher Tongrubengebiet oder aus den Tongruben bei Höhr und Grenzhausen nach Vallendar an den Rhein zu befördern. So waren oft Hunderte von Fuhrwerken, Gespannen und Karren aus der ganzen Umgebung unterwegs, weshalb immer wieder darüber geklagt wurde, daß die wenigen befestigten Wege durch die Tonabfuhr in Grund und Boden gefahren würden.
In Vallendar wurde der Ton von den Fuhrwerken in die bereitliegenden Schiffe verfrachtet und größtenteils nach Holland verschifft. Auf diese Weise waren ganze Ortschaften (Tongräber und Fuhrleute) mit der Tonabfuhr beschäftigt und hatten ihren Verdienst davon.

In den staatlichen Archiven liegen zahlreiche Aktenvorgänge aus den letzten Jahrhunderten, in denen immer wieder der angebliche Raubbau am Ton und der baldige Ausverkauf der Tonlager beklagt wird. Da in allem Ernst befürchtet wurde, die Tonvorräte gingen bei den damals ausgeführten Tonmengen bald zu Ende, wurden umfangreiche Gutachten über die noch vorhandenen Tonbestände in Auftrag gegeben.
Doch so schlimm, wie es oft dargestellt wurde, war die Versorgungslage gar nicht! Im weiteren Umkreis des «Kannenbäckerlandes» (Hachenburg - Westerburg etc.) wurden nämlich immer neue Tonvorkommen entdeckt.
Der wertvollste Ton liegt in der östlichen Hälfte des «Kannenbäckerlandes», nämlich dort, wo er sich vor Jahrmillionen an den tiefsten Stellen des damaligen Devonmeeres abgesetzt hat. Um die wertvollen Vorräte an weißem plastischen Ton - wenigstens teilweise - für künftige Zeiten zu bewahren und zu strecken, wurden deshalb oft zunächst die an der Peripherie in weiterem Umkreis liegenden Randvorkommen ausgebeutet.
Aus heutiger Sicht kann festgestellt werden, daß die Versorgung mit heimischen Tonen auf absehbare Zeit noch gesichert ist. Daran ändert nichts, daß z.Z. ca. 70 Prozent der im «Kannenbäckerland» geförderten Tone exportiert werden, insbesondere nach Frankreich (40 Prozent), Belgien, Holland, Italien, Skandinavien und der Schweiz.

Die Entwicklung der Krugbäckerei
Ab Anfang des 18. Jahrhunderts ging die «Krug»- und «Kannenbäcker» - Zunft im «Kannenbäckerland» mehr und mehr zurück. Die Zahl der Euler stieg merklich an, bis sie 1771 auf über 600 angewachsen war. Steigende Holzpreise bereiteten zunehmende Schwierigkeiten.
Die wachsende Zahl von «Krugbäckern» war auf den von Jahr zu Jahr steigenden Bedarf an Mineralwasserkrügen für den Versand des «Sauerwassers», besonders des Selterser Brunnens, der zu Kurtrier gehörte, zurückzuführen. Der Mineralwasserkrug wurde zu einem ausgesprochenen Massenartikel. Da man für die Herstellung der Krüge nur die nötigen Handgriffe zu erlernen brauchte, ohne daß dazu eine besondere Lehre erforderlich war, verlegten sich immer mehr Ungelernte auf die Ausübung des «Krugbäcker»- Handwerks. Als Unausgebildete nannte man diese Krugbäcker «Schnalzen». Die «Krugbäcker» waren vorwiegend in Mogendorf, Baumbach, Ransbach und Hillscheid ansässig. Sie stellten bereits Anfang des 18. Jahrhunderts beachtliche Mengen Krüge her; so z. B. Ransbach im Jahre 1770 über 1 Million Selterswasser-Krüge! Von 80 Meistern waren in Ransbach in diesem Jahr 70 Schnalzen.
Für den Transport der Sauerwasserkrüge nach Selters waren damals praktisch alle Fuhrwerke und Karren, die in der Umgebung aufzutreiben waren, eingesetzt. Von der Brunnenverwaltung in Seilers wurden die ankommenden Krugtransporte einer genauen Untersuchung unterzogen. Alle Krüge, die bei der Probewässerung nicht dicht waren, wurden sofort zerschlagen.

Die Pfeifenbäckerei
Neben den «Kannenbäckern» und den «Krugbäckern» gab es seil Anfang des 18. Jahrhunderts die «Pfeifenbäcker» ( in Höhr 1708 erwähnt ) im «Kannenbäckerland». Für die Herstellung der Tonpfeifen benötigte man einen besonders hochwertigen Ton, der in den reichen Tonlagern der Umgebung vorhanden war.
Nachdem das Tabakrauchen im 30jährigen Krieg besonders durch die pfälzischen Truppen verbreitet worden war, erlebte die Pfeifenbäckerei einen starken Aufschwung. Wie die Mineralwasserkrüge, so wurden auch die Tonpfeifen ein Massenartikel, auf den sich viele stürzten. Zur Herstellung der Tonpfeifen waren ja nur einige wenige Handgriffe erforderlich!

Anfänglich von Holland in das «Kannenbäckerland» eingeführt und hier von geschickten Meistern zu fertigen begonnen, wurde die Pfeifenbäckerei bald ein ausgesprochenes Hausgewerbe der kleinen Landwirte, die auf einen Nebenverdienst angewiesen waren. Hinzu kam, daß keine kostspieligen Einrichtungen benötigt wurden. Man arbeitete in Heimarbeit für Kölner Händler, welche die Pfeifen-Formen lieferten. Die «Rohlinge» wurden dann vielfach von den Kannenbäckern in ihren Öfen mitgebrannt. 1776 schlossen sich die kurtrierischen Pfeifenbäcker zu einer eigenen Pfeifenbäckerzunft zusammen. Hauptort der wiedischen Pfeifenbäcker war Hilgert. Als man in Holland eines Tages damit begann, in größerem Umfang Tonpfeifen aus Westerwälder Tonen herzustellen, ging der Umsatz an Tonpfeifen aus dem «Kannenbäckerland» rapide zurück.

Die weitere Entwicklung der Krug- und Kannenbäckerei im 18. Jahrhundert
In der Mitte des 18. Jahrhunderts lockerte sich der Zusammenhang der Gesamtzunft immer mehr, zumal die vier Landesherren unterschiedliche Wege gingen. Bei der Vergabe der Kruglieferungen an die einzelnen Mineralbrunnen setzte ein ruinöser Wettbewerb ein zwischen der Zunft und soge-nannten Privatkontrahenten, die mit der Brunnenverwaltung Verträge zu niedrigerem Preis abschlossen.
Die auf die Zunft entfallenden Krug-Lieferungen wurden auf Hunderte von Zunftmitgliedern verteilt, so daß der Lebensunterhalt für viele nicht mehr gewährleistet war. Einige versuchten, die starren Zunftregeln zu umgehen, was zu Mißbräuchen - z. B. mit den vorgeschriebenen Krugstempeln - führte. Da für den einzelnen Krugbäcker Direktlieferungen außerhalb der Zunft verboten waren, versuchte er heimlich Krüge ins «Ausland» zu liefern.
Das geschah teilweise mit, teilweise ohne Krugstempel. Mißbräuche gab es auch bei dem sogenannten «Reihenbacken», indem wohlhabende Krugbäcker das Backrecht von Witwen und minderbemittelten Krugbäckern abkauften.
Die starken Mißstände führten schließlich dazu, daß die alte starre Zunftordnung von 1643 im Jahre 1769 aufgehoben wurde. Erst nach längeren Auseinandersetzungen wurde für die kurtrierischen «Kannenbäcker» 1775 und für die wiedischen 1777 eine neue Zunftordnung erlassen. Nach einer Vereinbarung sollten die kurtrierischen Krugbäcker künftig den Seltersbrunnen mit Krügen beliefern, während den wiedischen Krugbäckern der Fachinger Brunnen überlassen wurde. Damit waren Neid und Missgunst zwischen der trierischen und der wiedischen Zunft bereits vorprogrammiert. So konnten auch die neuen Zunftordnungen den stetigen Verfall der Zunft nicht aufhalten.
Ein weiterer Rückgang des Gewerbes war die Folge. Auch eine Ende des 18. Jahrhunderts von der Regierung in Ehrenbreitstein gegründete Kameral- Krugfabrik konnte das Blatt nicht mehr wenden.
Die Mißstände führten schließlich dazu, daß die nassauische Regierung 1804 die ehem. kurtrierische Zunft auflöste. 1816 wurde auch die wiedische Zunft aufgehoben.

Die Entwicklung im 19. Jahrhundert - Das Maschinenzeitalter bricht an
Die ersten 50 Jahre des 19. Jahrhunderts waren für das «Kannenbäcker»- Gewerbe die schlechtesten in seiner Geschichte. Die nassauische Regierung war zwar bestrebt, das Gewerbe zu unterstützen. Die Errichtung einer Innung wurde vorgesehen. Aber erst die Gründung von Lokalgewerbevereinen brachte erste Fortschritte und damit eine langsame Besserung. Die ganze Entwicklung drängte auf eine maschinelle Betriebsweise.
Durch Einführung arbeitssparender Maschinen konnte die Produktion technisch verbessert werden. 1848 wurde die erste Tonschneidemaschine durch J. Thewalt in Höhr aufgestellt. 1861 kam eine Tonknetmaschine zur Verarbeitung des Tones anstelle des Knetens mit Hand und Fuß hinzu.
1863 wurde die erste Tonröhrenpresse von Gebr. Knödgen in Höhr in Betrieb genommen. Als Kraftantrieb diente ein Pferdegöpel. 1865 wurde die erste Dampfmaschine aufgestellt. 1879 erfand ein Bürger von Baumbach die erste Krugpresse.
Die neuen Maschinen ermöglichten eine arbeitsteilige Fertigung und den Übergang zur Massenfabrikation, deren Vorläufer schon in der Produktion von Steinzeugkrügen (für Mineralbrunnen) und Pfeifen vorhanden waren.
In den größeren «Kannenbäcker»- Orten wie Höhr, Grenzhausen, Ransbach, Baumbach, entstand nun eine Fabrik nach der anderen. 1875 gab es im «Kannenbäckerland» 261 keramische Betriebe, darunter elf Tonröhrenfabriken, 11 Schmirgel- Wetzsteinfabriken und acht Siderolith- bzw. feine Tonwarenfabriken.

Durch Anschaffung von 32 Krugpressen (1882) stieg die Krugfabrikation auf rd. 13 Mio Mineralwasserkrüge im Jahr an, was ungefähr das 10-fache der früheren Produktion bedeutete. 1894 zählte man im «Kannenbäckerland» 271 keramische Betriebe mit rd. 2000 Arbeitern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden mehrere Großbetriebe der Keramik errichtet, von denen jeder eine größere Zahl von Arbeitskräften beschäftigte. - Durch den Bau der Eisenbahn wurde das «Kannenbäckerland» 1883 an das überregionale Verkehrsnetz angeschlossen.

Einfluß der Fachschule und der Künstler
Aus den ehemals handwerklich betriebenen Töpfereien erwuchs binnen kurzer Zeit eine weit verzweigte Tonwarenindustrie. Das Streben nach künstlerischer Formgebung und Dekoration erlebte nach 1870 einen bemerkenswerten Aufschwung, insbesondere durch den aus Böhmen nach Höhr eingewanderten Scheibenmodelleur August Hanke. Unter seiner Leitung lebten die alten schönen Formen der vergangenen Zeit wieder auf, was sich in der neu aufkommenden sogen, altdeutschen Ware widerspiegelte.

Die Entwicklung der keramischen Industrie wurde maßgeblich von der 1879 gegründeten keramischen Fachschule in Höhr beeinflusst und gefördert. Diese stand in ständigem Kontakt mit der Industrie und arbeitete mit einer Reihe bedeutender keramischer Künstler Hand in Hand. Als zentrale keramische Ausbildungsstätte vereinigt sie heute die Fachrichtung Keramik der Fachhochschule Rheinland-Pfalz, Abt. Koblenz, die Fachschule für Keramikgestaltung und die Fachschule für Keramotechnik. Die beiden letztgenannten Fachschulen werden mit der keramischen Berufsschule demnächst in einem neu zu erbauenden keramischen Zentrum zusammengefaßt.
Die keramische Industrie hat eine große Bandbreite und ist sehr mannigfaltig. Man unterscheidet die haushaltsorientierte Keramik (Zier- und Gebrauchskeramik), die bauorientierte Keramik (Baukeramik und Spaltplatten, Wand- und Bodenfliesen, Sanitärkeramik, Steinzeugröhren, feuer- und säurefeste Erzeugnisse, Schleifmittel) und die technische Keramik (Isolatoren, Füllringe, bis zum freien Dentalporzellan und dem hitzebeständigen Schild bei der Raumfahrt).

Die Keramik in der Neuzeit
Nach dem Ersten Weltkrieg wandte man sich neben der industriellen Fertigung wieder mehr der handwerklichen Töpferkunst zu. - Nach dem Zweiten Weltkrieg mußte auch die Keramik wieder von vorn beginnen. In erstaunlich kurzer Zeit wurden zahlreiche modernste Betriebe mit großen Kapazitäten neu geschaffen. Die keramische Industrie im «Kannenbäckerland» nahm noch einmal einen ungeahnten Aufschwung. Gleichzeitig gelangte auch das Kunsthandwerk zu neuer Blüte. Heute gibt es im «Kannenbäckerland» rd. 300 keramische Betriebe mit 8000 Beschäftigten.
Wer sich ein anschauliches Bild von der jahrhundertelangen Entwicklung des Töpferhandwerks im «Kannenbäckerland» machen will, der kann dies am besten durch einen Besuch der keramischen Museen in Höhr-Grenzhausen besorgen. Das Keramikmuseum Westerwald, das Töpfermuseum Peltner, die Steinzeugsammlungen von Prof. Spiegel auf der Burg Grenzau und der Fa. Rastal sowie die mehreren tausend Bildkarteikarten des Dokumentationszentrums «Kannenbäckerland» vermitteln einen bleibenden Eindruck von dem schöpferischen Wirken und Schaffen in dieser Töpferlandschaft.


Ausstrahlungen des Kannenbäckerlandes

Abwanderung von Töpfern
Nachdem die Zahl der Töpfer im 18. Jahrhundert auf über 600 angewachsen war, wurde die Töpferregion zu eng, um alle beschäftigen zu können. Eine ganze Anzahl von Töpfern entschloß sich, auszuwandern und irgendwo in Deutschland oder darüber hinaus neue Töpfereien zu gründen. Die Bedingungen für eine Ansiedlung in der Fremde waren günstig, da die auswärtigen Landesherren den Einwanderern meist besondere Privilegien für die Errichtung neuer Töpferwerkstätten einräumten.
Ursächlich für eine Auswanderung war oft die Tatsache, daß nach den strengen Regeln der hiesigen Kannenbäckerzunft nur der erstgeborene Sohn einer Töpferfamilie Meister werden konnte. Die nachgeborenen Söhne aber wollten nicht als Handlanger oder Knecht bei ihrem ältesten Bruder arbeiten und zogen es deshalb vor, irgendwo in fremden Landen neu anzufangen.
Wie einst die Siegburger, Raerener und Lothringer Meister ihre Eigenart, ihre Kunst und ihre Erfahrung mit ins «Kannenbäckerland» gebracht hatten, so übten nun die ausgewanderten Töpfer des Kannenbäckerlandes maßgebenden Einfluß auf andere Töpferlandschaften aus, wo sie besonders im 18. Jahrhundert in neu gegründeten Werkstätten das graublaue, salzglasierte Steinzeug nach Westerwälder Art herstellten.
Auf diese Weise sind überall in Deutschland, wie auch teilweise im Ausland «Ausstrahlungen» bzw. «Töpferkolonien» des «Kannenbäckerlandes» entstanden. Im Laufe langjähriger Nachforschungen konnten mehr als zwei Dutzend solcher Ausstrahlungen nachgewiesen werden. Die dazu erforderlichen Familienforschungen sind noch nicht ganz abgeschlossen.

Die Adendorfer Töpferkolonie
Zwischen 1741 und 1743 wanderten die beiden Töpfer Peter Gerhards (32 J.) und Joh. Theodor Gerhards (18 J.), beide aus Baumbach im «Kannenbäckerland», nach Adendorf bei Bonn aus. Fast zur gleichen Zeit zog der Töpfer Johann Willems (42 J.) aus Ransbach nach Adendorf. Ihnen folgten Angehörige der Töpferfamilien Corzelius und Menningen aus Höhr und der Familie Giertz aus Nauort. Sie gründeten zusammen eine der blühendsten «Kannenbäckereien» links des Rheins. Noch heute sind die Nachkommen der Töpferfamilie Gerharz in Rheinbach bei Bonn und der Töpferfamilie Corzelius in Wachtberg ansässig.
Die Töpferfamilie Willems begründete mit der Familie Gerhards von Adendorf aus die Töpferei zu Wormsdorf und später auch die zu Meckenheim. Weitere Westerwälder Töpferfamilien ließen sich in Gelsdorf, Ersdorf und Allendorf nieder. Sie alle führten die Herstellung, die Formen und Verzierungen nach Westerwälder Art fort.

Töpfersiedlung Krughütte bei Saarbrücken

In einer Urkunde vom Jahre 1721 ist feierlich verbrieft, daß der Graf Karl Ludwig von Nassau, Saarbrücken und Saarwerden vier Krugbäcker aus Ransbach nach der Gemeinde Klarenthal bei Saarbrücken geholt hat, um eine Töpfersiedlung zu gründen. Es waren die Ransbacher Töpfer Hans Georg Krumeich, Hans Kaspar Krumeich, Joh. Peter Wingender und Johann Wingender. Sie wurden von dem Grafen stark gefördert.
Da dort Steinzeugkrüge hergestellt werden sollten, nannte man die Töpfersiedlung «Krughütte». Hans Georg Krumeich wanderte 1724 von Krughütte nach Rohrbach und Zabern weiter. Hans Kaspar Krumeich heiratete eine Tochter aus der Töpferfamilie Wingender und kehrte später wieder nach Ransbach zurück. Joh. Peter Wingender starb 1724 in Krughütte, worauf seine Söhne im selben Jahr, gemeinsam mit Hans Georg Krumeich, ihre Wanderung fortsetzten.

Töpfersiedlung Zabern
Nachdem sich der vorerwähnte Hans Georg Krumeich bereits in Zabern niedergelassen hatte, folgten kurz nach 1740 auch die Ransbacher Töpfer Christian Krumeich und dessen Schwager Wilhelm Willems auf dem Weg über Krughütte nach Zabern. Die Ransbacher Töpferfamilien blieben vier Generationen und stellten mehr als 100 Jahre lang in Zabern Steinzeug nach Westerwälder Art her.

Ausstrahlung Rohrbach bei Landau
Um 1830 pachtete der Ransbacher Krugfabrikant Christian Krumeich eine Krugfabrik in Rohrbach. Da Krumeich bereits vier Jahre später in seiner Heimat Ransbach verstorben ist, werden andere «Krugbäcker» aus dem «Kannenbäckerland» den Betrieb weitergeführt haben.
1839 hören wir, daß der «Steinzeugkrugmacher» Johann Remmi eine Anna Maria Corcilius heiratete. Johann Remmi war der Sohn eines Steinkrugmachers aus Höhr, der über die Töpferorte Bruch, Wittlich, Metz und Fohrbach nach Rohrbach gewandert war. Johann Remmi starb schließlich in Metz. 1841 erwarb sein Sohn Johann Remmi gemeinsam mit dem Krugfabrikanten Heinrich Braun den zunächst gepachteten Krug- Betrieb mit Brennofen. Die Rohrbacher Töpfereien arbeiteten bis 1880.

Töpferkolonie Betschdorf im Elsaß
Um 1730 zogen die bereits erwähnten Ransbacher Hans Georg Krumeich und Joh. Peter Wingender jun. von Zabern nach Betschdorf weiter, wo sie sich als Töpfer niederließen. 1743 holten sie auch die Töpfer Christian Krumeich und dessen Schwager Wilhelm Willems von Zabern nach Betschdorf. Joh. Peter Wingender jun. hatte unterdessen (1736) in Betschdorf die Schwester von Hans Georg Krumeich geheiratet. Allgemein ist festzustellen, daß die aus dem «Kannenbäckerland» stammenden Töpferfamilien immer wieder untereinander heirateten, was besonders in den Ausstrahlungsgebieten der Fall war.
1745 starb der erste Ransbacher Aussiedler Hans Georg Krumeich in Betschdorf. 1756 kam Johann Wingender von Zabern nach Betschdorf. 1766 wechselte der Ransbacher Wilhelm Gerhards über Speicher nach Betschdorf, kehrte jedoch wenige Jahre später nach Zabern zurück, wo seit 50 Jahren die Ransbacher Steinzeugtöpfer wirkten.
Ende des 18. Jahrhunderts zählte Betschdorf ein Dutzend Töpfer, von denen die meisten aus dem «Kannenbäckerland» stammten. 1822 zog der Töpfer Servatius Remmy aus dem «Kannenbäckerland» nach Betschdorf. Ihm folgte 1827 die Töpferfamilie Korzilius und 1829 Jakob Knödgen aus Höhr. Kein Wunder, daß wir heute in Betschdorf wie in den benachbarten Töpferorten Hagenau und Soufflenheim so viele Nachfahren der Töpferfamilien Krumeich, Corzilius, Wingender, Willems, Blum und andere antreffen.
Insgesamt haben die aus dem «Kannenbäckerland» abgewanderten Töpferfamilien die elsässische Töpferei außerordentlich stark befruchtet, so daß man von einer echten Töpferkolonie des «Kannenbäckerlandes» sprechen kann.

Töpfersiedlung in der Südwesteifel
Im Raum Speicher, Niersbach, Bruch, Zemmer und Binsfeld wurde schon seit dem 15. Jahrhundert Steinzeug hergestellt. Kurz nach 1700 erlebten diese Orte eine starke Einwanderungswelle durch Töpfer aus dem Kannenbäckerland und damit einen beträchtlichen Aufschwung. Johannes Krumeich von Ransbach arbeitete als Krugbäcker in Niersbach. Zahlreiche Töpfer aus den Töpferfamilien Gerhards, Knötgen, Wingender, Corcilius, Remy, Willems und Krumeich siedelten sich in Niersbach, Bruch, Zemmer, Münchwald und Spabrücken an. Wenn man die dortigen Kirchenbücher aus der ersten und zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchsieht, begegnen einem die heimischen Töpfernamen manchmal noch häufiger als in den alten Heimatorten, wie z. B. die Töpferdynastie Wingender in Münchwald und andere.
Die eingewanderten Töpfer der Südwesteifel standen unter dem besonderen Schutz der Grafen von Kesselstadt. Sie gründeten in der neuen Heimat eine eigene «Kannenbäcker-Zunft».
Im Jahre 1790 waren in Speicher und Umgebung 36 Töpfereien in Betrieb. Sie stellten damit eine der größten Töpferkolonien des «Kannenbäckerlandes» dar.
In der benachbarten Südeifel hatte sich 1725 der Ransbacher Töpfer Johann Caspar Krumeich in Gransdorf bei Wittlich seßhaft gemacht. Er war 1700 geboren, hatte sich 1721 als einer der drei Gründer der Töpfersiedlung Krughütte dort niedergelassen, war 1724 nach Ransbach zurückgekehrt, um nun 1725 in Gransdorf einen neuen Start zu beginnen. Zusammen mit Mitgliedern der Töpferfamilie Knötgen aus Höhr begründete er in Gransdorf-Wittlich die dortige Bauerntöpferei.

Die Kannenbäckerland-Kolonie im Taunus
1719 sind mehrere «Krugbäcker» aus dem «Kannenbäckerland» in die Niedergrafschaft Katzenelnbogen eingewandert. Sie ließen sich in Holzhausen a.d. Heide, in Nastätten, Zorn, Casdorf, Himmighofen, Bogel, Oelsberg, Rettert und Rupertshofen nieder, wo sie «graues Steinzeug mit blauer Verzierung» herstellten. Die dortige «Krugbäckerei» stammt ausnahmslos aus dem «Kannenbäckerland».
1798 hat der «Krugbäcker» Johannes Knötgen von Holzhausen unweit Meerholz eine «Krugbäckerei» angelegt. Er bot sich an, die Mineralwasserkrüge für den Schwalbacher Brunnen zu liefern.
Wie die Kirchenbücher der Taunusorte aus der Zeit von 1730 bis 1750 ausweisen, hat damals eine
Massenabwanderung von Töpfern aus dem «Kannenbäckerland» in den Taunus stattgefunden. Immer wieder trifft man auf die Töpfernamen Knödgen, Wingender, Beres, Corcilius, Menningen, Fahr, Günther und Blum.

Töpfersiedlung Mehren bei Altenkirchen
1737 wanderten sieben Töpfer von Grenzhausen nach Mehren in der Grafschaft Sayn aus. Einer von ihnen: Antonius Remy, gründete am 2.4. 1737 mit seinen mitgekommenen Töpferkollegen die «Kannenbäcker-Zunft» in Mehren. Mit von der Partie waren u.a. Weimar Menningen, Joh. David Wortmann aus Grenzhausen und Wilhelm Gündter. Bis 1762 hatten sich die Verhältnisse so gebessert, daß die Auswanderer und ihre Söhne in Mehren ihr gutes Auskommen hatten.

Ausstrahlung Driedorf- Herborn
1736 zogen die «Pfeifenbäcker»- Meister Nikolaus Remy und Ägidius Litschert von Grenzhausen nach Driedorf. Nach Ableistung des Treueides wurden sie von den dortigen Handwerkern als gute Nachbarn aufgenommen. 1760 ließ sich der Grenzhäuser «Pfeifenbäcker» Johannes Weller in Herborn nieder.

Ausstrahlung Langendernbach bei Limburg
Mitte des 18. Jahrhunderts war der Töpfer Peter Remy, Protestant, aus dem kurtrierischen Teil des «Kannenbäckerlandes» vertrieben worden. Er wurde als «Krugbäcker» mit seiner Familie in Langendernbach aufgenommen, wo ihm Personalfreiheit (d.h. Steuerfreiheit) zugestanden wurde. Er erhielt zunächst das uneingeschränkte Recht zum Brennen von Irdengeschirr für eine bestimmte Zeit. 1750 beklagen sich die Söhne Jakob und Peter Remy, daß sie nur noch zweimal brennen dürfen und außerdem von jedem Brand einen Reichstaler Ofengeld abgeben sollen.

Töpferkolonie Römershag bei Bad Brückenau
Nachdem 1747 bei Bad Brückenau eine neue Mineralquelle entdeckt worden war, wanderte der Ransbacher Töpfer Egidius Gerhard 1749 nach dem benachbarten Römershag ab. Er wurde der Stammvater der Töpferfamilie Gerhard, deren Nachkommen heute noch in Bad Brückenau vertreten sind.
Egidius Gerhard schloß mit dem Fürstabt von Fulda einen Vertrag über die Lieferung von Mineralwasserkrügen.
Der Fürstabt baute den zugelassenen Töpfern eine eigene Krugfabrik mit Wohnhaus für drei Familien in Römershag.
Weiterer «Nachschub» aus dem «Kannenbäckerland» traf mit den «Krugbäckern» Peter Knötgen und Jakob Blum in Römershag ein. Zu ihnen gesellten sich später noch Servatius Günter und Wilhelm Wingender (1772-1775) und schließlich Kaspar Kurzelius (1780), ein Schwager von Wilhelm Wingender.
Die Töpferkolonie Römershag hielt sich 140 Jahre, bis sie nach Einführung der Glasflasche Ende der achtziger Jahre die Herstellung von Steinzeugkrügen aufgab.

Töpfersiedlung Oberbach bei Römershag
1796 erbauten die Töpfer Peter Girtz, Johann Girtz und Wilhelm Wilms zusammen mit dem Ofenbauer Jacob Driß eine «Krugbäckerei» in Markt Oberbach. Die Finanzierung hatte das Fürstbistum Würzburg übernommen, welches die kurtrierischen Töpfer zur Belieferung der Kurbrunnen in Kissingen und Bocklet mit Mineralwasserkrügen verpflichtet hatte. Alle genannten Töpfer stammten aus dem «Kannenbäckerland».
Anfang des 19. Jahrhunderts stellte die «Krugbäckerei» in Oberbach jährlich 150 000 Krüge für die Brunnen in Kissingen und Brückenau her.

Töpferkolonie Pressath (Oberpfalz)
1793 wanderte Peter Klauer aus Baumbach nach Pressath, um dort einen Steinzeugbetrieb zu gründen. Mit ihm zogen die mit ihm verwandten Töpferfamilien Peter Gerhards, Peter und Christian Korzilius aus Ransbach/ Baumbach sowie Jakob und Wilhelm Girtz aus Hillscheid und Heinrich Günther aus Baumbach. Sie wollten 1794 eine Fabrik in Pressath errichten und «steinerne Bierkrugflaschen, Krüge und Kaffeeschalen» herstellen.
Trotz erheblicher Proteste der einheimischen Hafner durften die aus dem «Kannenbäckerland» eingewanderten Töpfer mit der Steinzeugfabrikation beginnen.
1795 errichteten Peter Klauer und Jakob Girtz (Goertz) eine Steinzeugfabrik außerhalb der Stadt Pressath, in welcher sie bis 1820 Steinzeug herstellten. Der Sohn Johann Peter Klauer setzte die Produktion bis 1848 fort.

Töpfersiedlung Neusorg (Kreis Tirschenreuth)
In Neusorg (Oberpfalz) wanderte aus dem «Kannenbäckerland» Peter Gerhards ein. Dieser nahm 1817 die Produktion von Steinzeug auf. Wie es heißt, beschäftigte er 1836 «zwei Mann auf der Scheibe» und stellte Bierflaschen, Steinkrüge, Töpfe und Häfen her. Ihm folgte von 1836 bis 1865 Johann Corcilius, der ebenfalls aus dem «Kannenbäckerland» stammte.

Töpferkolonie Peterskirchen (Niederbayern)
Kurz nach 1737 wanderte der «Krugbäcker» Joh. Peter Gelhard von Höhr nach Peterskirchen. 1742 folgten die Höhrer «Pfeifenbäcker» Adrian und Johann Demant sowie Mitglieder der Töpferfamilie Böcking (heute Böckling) aus Höhr. Die trierischen Töpfer kamen auf Veranlassung des Grafen Tattenbach, um «Steingeschirr» aus dortigen Tonen herzustellen. Anhand der Kirchenbücher läßt sich Joh. Peter Gelhard von 1708 bis 1781 nachweisen. Daneben begegnen uns von der großen Töpferfamilie Gelhard ein Nikolaus G. (1737-1784), ein Jakob G. (1754-1822), ein Steingutgeschirrmacher Johann G. (1758-1828) und deren Abkömmlinge.
Die nach Peterskirchen eingewanderten «Krug-» und «Kannenbäcker» stellten Kannen, Flaschen, Häfen, Salbengefäße und Wasserleitungsröhren her.

Ausstrahlung Bergen (Oberbayern)
Wie in einem Bericht von 1803 zu lesen ist, soll der bei Bergen (Landkreis Neuburg- Schrobenhausen) seit altersher gefundene Ton bereits im 17. Jahrhundert zur Herstellung von Steinzeug genutzt worden sein und zwar von einem «Töpfer aus der Koblenzer Gegend». Darunter kann nur ein aus dem «Kannenbäckerland» zugewanderter Töpfer gemeint sein, zumal das seinerzeit im «Kannenbäckerland» hergestellte Geschirr vielfach unter dem Namen «Koblenzer Geschirr» bekannt ist. Nachdem der aus der «Koblenzer Gegend» stammende Töpfer verstorben war, ging der Steinzeugbetrieb in Bergen wieder ein.

Töpfersiedlung Steinau (Bezirk Kassel)
Steinau ist ein alter Töpferort, wo schon 1552 der Töpfer Adam Knod arbeitete. Da die Töpferfamilie Knödgen im «Kannenbäckerland» im mundartlichen Sprachgebrauch noch heute mit «Knods» bezeichnet wird, dürfte es sich bei Adam Knod um einen Vorfahren der weit verzweigten Töpferfamilie Knödgen handeln. Der Töpferort Steinau erlebte im 18. Jahrhundert eine Einwanderung von «Krug-» und «Kannenbäckern» aus dem «Kannenbäckerland». 1782 überlegte der Landesherr von Steinau, ob die für den dortigen Brunnenbetrieb benötigten Mineralwasserkrüge nicht im eigenen Gebiet hergestellt werden könnten, statt sie aus dem «Kannenbäckerland» zu beziehen. Es wurden daraufhin Ton-Proben aus der Umgebung von Steinau untersucht und nach Kassel zur Begutachtung durch den dortigen «Krugbäckermeister» Knötgen geschickt. Knötgen stammte aus dem «Kannenbäckerland», hatte sich kurz vorher in Kassel niedergelassen und einen «Krugbäckerbetrieb» auf eigene Rechnung eingerichtet.
Im Frühjahr 1783 wurden die Tone nochmals von dem aus dem «Kannenbäckerland» stammenden «Krugbäcker» Jungbecker (Ransbach oder Höhr) untersucht. Im Herbst 1783 fanden neue Verhandlungen mit zwei Brüdern Corcilius aus Grenzhausen statt. Im Frühjahr 1784 wurde dann mit ihnen und einem weiteren «Krugbäcker» aus Grenzhausen namens Johann Remy ein Vertrag über die Herstellung von Steinzeugkrügen in einer eigens zu errichtenden Krugfabrik geschlossen. Mit einem Betrag von 1380 Gulden wurde den «Krugbäckern» ein Wohnhaus mit Brennofen vorfinanziert. 1785 gingen die ersten Kruglieferungen der in Steinau angesiedelten «Krugbäcker» vom Stapel.
Aus dem «Kannenbäckerland» folgten die «Krugbäcker» Wilhelm Litschert und Jakob Litschert, beide aus Grenzhausen und ließen sich in Steinau nieder. Wie es in den alten Akten heißt, vergingen 16 Jahre, bis ein einwandfreier tauglicher Ton gefunden und daraus brauchbares steinernes Geschirr hergestellt werden konnte, insbesondere Mineralwasserkrüge und gebauchte Krüge mit Dekor nach Westerwälder Art.
Die Blütezeit verdankte die Steinauer Krugbäckerei vor allem der Töpferfamilie Letschert aus Grenzhausen. 1801 waren Wilhelm Letschert und die Steinwarenhändlerin Anna Kath. Merck auf dem sogen. Steinauer «Krugbau» seßhaft. 1812 baten sie um käuflichen Erwerb des Krugbaus. Noch 1867 waren dort Adam und Peter Letschert tätig. Dann kam der Niedergang, bis schließlich die «Krugbäckerei» in Steinau 1904 ganz einging.

Ausstrahlung in das Osnabrücker Land
Von 1838 an leitete der Töpfermeister Peter Kortzilius aus Ransbach im «Kannenbäckerland» die Töpferei Heyl in Hase-lünne bei Meppen, die erst wenige Jahre vorher gegründet worden war. Kortzilius bezog für seine fabrikmäßige Fertigung Ton aus dem «Kannenbäckerland», der mit dem Schiff nach Wesel und von dort mit Wagen nach Hase-lünne gebracht wurde. - 1841 kehrte Peter Kortzilius in seine Heimat zurück; aus welchen Gründen ist nicht bekannt.
1842 wurde er erneut in's Osnabrücker Land verpflichtet, um dort einen Töpfereibetrieb in Hasbergen zu leiten. Der Besitzer eines dortigen Hofes hatte auf seinem Grundstück Ton gefunden und sich darauf entschlossen, eine Steinzeugtöpferei einzurichten.
Peter Kortzilius hat in Hasbergen nach eigenen Entwürfen einen neuen Brennofen gebaut, der 15 000 bis 16 000 Selterswasserkrüge faßte. Neben Mineralwasserkrügen wurde auch sonstiges Gebrauchsgeschirr wie Apothekerbüchsen, Enghalskrüge etc. hergestellt.
Da die Ware aufgrund des einheimischen Tones den Qualitätsanforderungen nicht entsprach, fand sie keinen Absatz. Bereits im Herbst 1842 wurde die Produktion wieder eingestellt. Peter Kortzilius verklagte den Hofbesitzer Dahmann, weil er ihm den Lohn schuldig geblieben war.

Ausstrahlungen in das Ausland
Aufgrund der engen Handelsbeziehungen mit dem Nachbarland sind im Laufe der letzten Jahrhunderte zahlreiche Töpferfamilien aus dem «Kannenbäckerland» nach Holland ausgewandert, so unter anderem 1835 auch einige Fabrikanten aus Höhr. Grund hierfür war oft, daß der Warentransport mit Fuhrwerken an den Rhein und von dort mit dem Schiff nach Holland verhältnismäßig umständlich und teuer war. Deshalb wollten die abgewanderten Töpfer ihre Waren an Ort und Stelle in Holland produzieren und vertreiben. Eine ganze Anzahl von den in Holland Eingewanderten sind als Landgänger - auch Hollandgänger genannt - in diesem Land seßhaft geworden. So hat es sich ergeben, daß insbesondere in den Keramikorten von Holland, wie z. B. Gouda, heute überall die Namen von Töpferfamilien aus dem «Kannenbäckerland» zahlreich vertreten sind. Aber auch in anderen Ländern, insbesondere in Belgien und Frankreich, begegnen uns die heimischen Töpfernamen aus dem «Kannenbäckerland» immer wieder, vorwiegend in den dortigen Töpferlandschaften.

Ausstrahlung nach Rußland
Die Erzeugnisse des «Kannenbäckerlandes» wurden schon seit Jahrhunderten in viele fremde Länder exportiert. So wurden vor einigen Jahrzehnten tief in Rußland Krüge und Fußbodenplatten aus dem «Kannenbäckerland» entdeckt, die vor langer Zeit durch Westerwälder Landgänger dorthin verbracht wurden.
Um 1890 wurden in Lettland und Rußland zwei «Krugbäckereien» gegründet: Eine in der Nähe von Riga, die andere bei Borovice nahe Petersburg. Diese «Krugbäckereien» bezogen aus der Heimat «Kannenbäckerland» nicht nur die hochwertigen Westerwälder Tone, sondern auch die gesamte Betriebseinrichtung.
Damit die keramischen Erzeugnisse in gleicher Güte und Qualität hergestellt, verformt und verziert wurden wie im «Kannenbäckerland», holte man auch « nassauische Arbeiter » als Fachkräfte nach Rußland. Die fertige Ware wurde dann vor allem nach Petersburg verkauft.
 

Töpfersiedlungen in USA
In den letzten Jahren erhielten wir beim «Dokumentationszentrum Kannenbäckerland» in Höhr-Grenzhausen genauere Kenntnis über die Auswanderung von Töpfern aus dem «Kannenbäckerland» in die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Nach diesen Informationen ist im Jahre 1718 der Töpfer Johann Wilhelm Crolius aus dem «Kannenbäckerland» «über Neuwied» nach Manhattan-New York ausgewandert. Dort gründete er vor 1728 eine Steinzeug-Töpferei, die bis 1849 in Betrieb war. Wie es heißt, führte er dort nach Westerwälder Tradition Herstellungsverfahren ein, die der amerikanischen Steinzeugproduktion überlegen waren.
Der Name Crolius ist unzweifelhaft eine Abwandlung des im «Kannenbäckerland» weit verbreiteten Töpfernamens «Corcilius» und kam als «Crolius» auch dort vor (in Hilgert).
Um 1731 wanderte ein zweiter Westerwälder Töpfer namens Johannes Remmey in USA ein und gründete eine weitere Steinzeugtöpferei in Manhattan, die bis gegen 1820 produzierte. Johannes Remmey, ein Nachkomme des 1586 aus Ivoy in Lothringen in das «Kannenbäckerland» eingewanderten Ahnherrn Remy, stellte in Manhattan ebenfalls blaugraues Steinzeug nach Westerwälder Art her. Seine Nachkömmlinge stellten in New York bis 1831 Steinzeug nach Westerwälder Art her. Im selben Jahr zog der Enkel von Johannes Remmey, Henry R. nach Philadelphia, wo er die «Remmey Feuerfest Gesellschaft» gründete.
In Philadelphia wurde graublaues salzglasiertes Steinzeug nach Westerwälder Tradition noch bis gegen 1870 hergestellt. Ein anderer Nachkomme der Töpferfamilie Remmey wirkte bis gegen 1833 in South Amboy.im Staate New Jersey.
Um 1770 gründete James Morgan in South Amboy eine Steinzeugfabrik. Wie anhand ausgegrabener Scherbenfunde festgestellt werden konnte, hat Morgan für die Herstellung von blaugrauem Steinzeug einen Steinzeugtöpfer aus dem «Kannenbäckerland» kommen lassen, der mit den Westerwälder Traditionen bestens vertraut war.
Lange bevor einzelne Töpferfamilien aus dem «Kannenbäckerland» nach USA auswanderten, wurden schon kostbare Steinzeug-Kannen und Krüge - meist über England - in die neue Welt verschifft. Zahlreiche Funde in USA liefern den Beweis hierfür. So wurde u.a. in Jamestown/ USA ein wertvoller blaugrauer Westerwälder Steinzeugkrug mit der Jahreszahl 1610 ausgegraben, auf welchem die bekannte Geschichte von Judith und Holofernes bildlich dargestellt ist. 1979 erhielt das «Dokumentationszentrum Kannenbäckerland» in Höhr-Grenzhausen eine interessante Anfrage von der Archäologischen Gesellschaft von Delaware/USA. Dort war ein im «Kannenbäckerland» hergestellter Krug aus einem Abfallhaufen ausgegraben worden, der nachweislich kurz nach 1662 von einem englischen Hauptmann angelegt worden ist. Auf den übersandten Krugfragmenten waren noch einige Inschriften zu entziffern.
Die wissenschaftliche Untersuchung der Scherbenfragmente ergab, daß es sich auf den Scherben um ein Wappen des Grafen Friedrich Emich, Graf zu Leiningen und Dachsburg, Herr zu Aspermont handelte, der 1621 geboren ist. Ein Zweig dieser Familie, nämlich die Grafen von Leiningen-Westerburg, saßen im Westerwald. Wie aus einem genealogischen Geschichtsbuch dieses Grafenhauses zu entnehmen war, sind von Graf Friederich Emich zwei wertvolle alte Krüge erhalten. Auf dem einen Krug ist neben dem Wappen die Umschrift zu lesen: «Friederich Emich, Graf zu Leiningen und Taxburg, Herr zu Appirmont, 1676». Ein Bruchstück der Jahreszahl 1676 war auch auf dem von USA übersandten Krugfragment zu sehen. Damit war klar, daß es sich bei dem in Delaware ausgegrabenen Krug um den zweiten Krug der Grafen von Leiningen-Westerburg handelte. Vermutlich waren die beiden von ein und demselben Jahr stammenden Krüge von 1676 speziell für die Hochzeit von Friederich Emichs Sohn Emich XIII, die am 24. 2. 1676 stattfand, im «Kannenbäckerland» hergestellt worden. Einer der beiden Krüge wurde offenbar an einen vornehmen Hochzeitsgast geschenkt. Von diesem dürfte der in Form und Dekor völlig gleiche Hochzeitskrug nach USA gekommen sein, wo er nun nach über 300 Jahren aus einem Scherbenhaufen ausgegraben worden ist.

Ausstrahlung nach Afrika
Im vergangenen Jahr konnten wir in der Mai-Ausgabe dieser Zeitschrift von zahlreichen wertvollen Steinzeug-Krügen berichten, die in den letzten Jahren zu Hunderten vor allem in Westafrika entdeckt worden waren. Dabei handelte es sich zu einem großen Teil um kostbare graublaue Steinzeugkrüge aus dem Westerwald. Diese waren von den großen Schiffahrtshandelsgesellschaften in Holland, wie insbesondere der Ostindischen Handelskompanie, vor über 250 Jahren an holländische Stützpunkte in Ghana, der alten Westküste verschifft worden.
Die holländischen Händler hatten frühzeitig den Tauschwert der von ihnen benutzten deutschen Keramik für Afrika erkannt und daraufhin die Westerwälder Steinzeugkrüge zu Tausenden nach Afrika exportiert. In Afrika wurden sie - insbesondere von den Häuptlingsfamilien - von Generation zu Generation als kostbares Familienerbe bewahrt und zum Teil noch bis heute als Palmweinbehälter benutzt. Ein glänzendes Zeugnis für die
Qualität nach fast 300 Jahren Gebrauch, aber auch für die Ehrfurcht, mit der die Einheimischen mit den Steinzeug-Gefäßen umgingen.
Besonders beliebt waren offenbar die mit barocken Ranken verzierten und geritzten Kugelbauchkrüge und die sogenannten «GR-Krüge» aus dem «Kannenbäckerland». Die Initialien «GR» bringen zum Ausdruck, daß diese Krüge ursprünglich für den englischen Hof bestimmt waren (Georg Rex). Der älteste aus Afrika mitgebrachte GR-Krug ist datiert mit der Jahreszahl 1724 und trägt das Meisterzeichen HP-W, das sich auch auf anderen Krügen des «Kannenbäckerlandes» befindet.
Einem lange Jahre in Afrika tätigen Geistlichen ist es mit viel Mühe gelungen, zahlreiche nach 1966 dort entdeckte Steinzeugkrüge zu erwerben, so daß diese nun nach Jahrhunderten in ihre Heimat «Kannenbäckerland» heimkehren konnten. Das muß umso höher bewertet werden, wenn man weiß, daß die afrikanischen Besitzer sich scheuen, solches kostbare überlieferte «Ahnengut» zu verkaufen, um nicht die Strafe der Ahnengeister auf sich zu ziehen.

Ausstrahlung nach Australien
Da das Steinzeug aus dem «Kannenbäckerland» wegen seiner hervorragenden Eigenschaften überall besonders geschätzt wurde, nimmt es nicht wunder, daß es schon vor Jahrhunderten auch nach Übersee exportiert wurde. Im Jahre 1629 ist das Frachtschiff «Batavia» der Holländisch-Ostindischen Handelsgesellschaft mit wertvoller Ladung und zahlreichen Passagieren im Sturm auf einem Korallenriff vor der Küste Australiens gestrandet. In den Jahren 1972-1974 entdeckten Archäologen bei der Bergung der Batavia unter anderem auch wertvolles Steinzeug aus dem «Kannenbäckerland». Dabei handelte es sich um künstlerisch gestaltete Prunkgefäße, für die sich schon in damaliger Zeit Liebhaber in allen Teilen der Welt fanden.
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Aufgrund dieses gedrängten ersten Überblicks kann zusammenfassend festgestellt werden: Die Geschichte des «Kannenbäckerlandes» ist zum großen Teil die Geschichte der hier ansässig gewesenen, fachlich hervorragend ausgebildeten und hoch qualifizierten Töpfer- und Kannenbäckerfamilien! Man kann heute nur staunen über soviel Können, soviel Tatkraft und Unternehmungsgeist der hier tätig gewesenen Vorfahren.
Die Töpferlandschaft «Kannenbäckerland» mit ihren zahlreichen Töpferfamilien hat eine einmalige Ausstrahlungskraft bewiesen, indem sie so zahlreiche Töpferkolonien und Töpfersiedlungen im In- und Ausland gegründet oder maßgebend befruchtet hat.


 
www.dzk-kannenbaeckerland.de

letzte Änderung: 07.03.2010