Scherbenfunde am Alexanderplatz in Höhr-Grenzhausen
Gerd Kessler, im Mai 2005

Im Zuge der Umgestaltung des Alexanderplatzes im Frühjahr 2005 wurde im April eine ca. 100 bis 150 Jahre alte Bruchstein Stützmauer abgerissen, die bis dahin den Höhenunterschied zwischen Alexanderplatz und der Terrasse des jetzigen "Cafe Ceramica" überbrückt hat. In dem dadurch freigewordenen Profil wurden Ablagerungsschichten festgestellt, in denen Steinzeugscherben verschiedenen Alters gefunden wurden. Dank des Entgegenkommens des Grundstückeigentümers und des Bauamtes der Verbandsgemeindeverwaltung konnte mit Hilfe des Landesamtes für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz, Abt. Archäologische Denkmalpflege Koblenz (Dr. Jost / Brüninghaus) eine Reihe von Bruchstücken zur näheren Untersuchung entnommen und die Fundstelle dokumentiert werden.

Die mit dem heutigen Namen "Alexanderplatz" bezeichnete Fläche war in den vergangenen zwei bis dreihundert Jahren dicht bebaut. In den Jahrhunderten vorher muss das Gelände jedoch wesentlich tiefer gelegen haben und aufgrund des Zusammenflusses mehrerer Bäche und Rinnsale sehr sumpfig gewesen sein. Der zwischen Bergstraße und Emserstraße sich bildende Ferbach, sowie die Zuflüsse aus Schneeberg und Gartenstraße - ehemalige Eidamshohl - trafen sich am tiefsten Punkt des Dorfes Höhr und bildeten von dort aus gemeinsam den Ferbach, der durch das gleichnamige Tal und durch Vallendar in den Rhein fuhrt.
Die Töpfer des Mittelalters und vielleicht auch schon der fränkischen Zeit siedelten an dem leicht ansteigenden Gelände in unmittelbarer Nachbarschaft der Bachläufe. Sie waren hier vor Überschwemmungen sicher und hatten auch das für die Töpferei nötige Wasser gleich in der Nähe. Ein weiterer Vorteil war die Möglichkeit, ihre Öfen in den leicht ansteigenden Hang hineinzubauen, somit einen großen Teil der Seitenwände zu sparen und gleichzeitig für optimale Zugverhältnisse zu sorgen.
Es ist anzunehmen, dass schon die frühen Töpfer darangingen, das ursprünglich unwirtliche Sumpfgelände begeh- und befahrbar zu machen. Der laufend anfallende Bruch aus den Töpfereien - sowohl Bruchware als auch Brennhilfsmittel -war ein ideales Verfestigungsmaterial zur Auffüllung der sumpfigen Flächen.
Somit waren nicht nur die topografischen und Versorgungsvorteile gegeben, sondern auch das Problem der Entsorgung auf Jahrhunderte gelöst. Der im südlichen Teil des jetzigen Alexanderplatzes angelegte Dorfbrunnen hat über Jahrhunderte die Wasserversorgung des Dorfes Höhr sichergestellt und den sozialen Mittelpunkt von Höhr gebildet. Er wurde gegen Ende der 1930er Jahre abgebaut, seine Zuflüsse in eine neue unterirdische Betonzisterne geleitet.
In der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts hatte man offensichtlich das Niveau der Sumpfflächen soweit angehoben, dass man daran gehen konnte, auch im ebenen Teil des Dorfzentrums zu siedeln.
Das Haus "Schützenhof- Bei Pino", ein solides Eichenfachwerkhaus wurde im Jahre 1659 von Peter Remy und seiner Ehefrau erbaut, wie aus dem Türbalken über dem jetzigen Eingang zur Gastwirtschaft zu ersehen ist. Der Zugang lag früher auf der Seite nach der Mittelstraße hin, was darauf deutet, dass Geh- und Fahrverkehr auf der Seite der Mittelstraße stattfand und die Seite nach der jetzigen Rheinstraße nicht durch eine Straße erschlossen war.
Der Erbauer des "Schützenhofes", Peter Remy (1599 - 1663), war ein Sohn des 1586 aus Lothringen eingewanderten Töpfers Jaques (damalige Schreibweise) Remy, der in Höhr die Meisterswitwe Katharina Wingender heiratete und deren Werkstatt weiterführte. Möglicherweise war Peter Remy der erste, der sich auf ebenem Gelände niederließ und dort seine Töpferei aufbaute oder aus der Nachbarschaft dorthin verlegte.


Die Sohle der abgebauten Stützmauer lag ca. 1,80 m unter der Oberkante der Terrasse des Cafes und ca. 0,80 m unter dem Niveau des Alexanderplatzes. Auf der unteren Sohle fanden sich Bruchstücke, die durchweg Dekorationsmerkmale aus den Jahrzehnten zwischen ca. 1650 bis 1720 tragen.
In den darüber liegenden Schichten fanden sich solche, die in die Zeit fallen, als das künstlerische, vielfach zu Dekorationszwecken verwendete Steinzeug infolge des Wettbewerbs des neu entwickelten Porzellans nicht mehr gefragt war und mehr und mehr dem einfachen Gebrauchsgeschirr -Kannen, Krüge, Vorratstöpfe etc. - weichen musste. In den oberen Schichten fanden sich dann in der Hauptsache Bruchstücke aus der Mitte des 19.Jahrhunderts.Die Bruchstücke wurden zur näheren Untersuchung in das Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen gebracht.

Die Scherbenfunde beweisen, dass zumindest ab ca. 1650 in unmittelbarer Nähe des Alexanderplatzes getöpfert wurde und dort - wahrscheinlich von der Familie Remy - künstlerisches Steinzeug des Barockzeitalters hergestellt wurde. Es ist anzunehmen, dass tiefere Grabungen auch Bruchstücke aus der Renaissance zu Tage gefordert hätten, da frühere Funde in etwa 50m Entfernung in der Mittelstraße ergiebige Mengen an Bruchstücken aus dieser Zeit erbracht hatten. Das Museum für Angewandte Kunst in Köln besitzt einen mit "PR" gezeichneten, grau-blauen Renaissancekrug, der mit hoher Wahrscheinlichkeit von Peter Remy, dem Erbauer des "Schützenhofes" stammt. (Inventar Nr. Z 25) Weiter Funde, Ende des 19.Jh.von Ernst Zais gesichert, stammen von Gilles Remy, einem Sohn Peters (1630 - 1693).
Abrissarbeiten in den 1960er Jahren im südöstlich angrenzenden Teil des Alexanderplatzes hatten eine größere Zahl von Bruchstücken aus dem 15. und 16.Jahrhundert zutage gefördert, die jedoch nicht geborgen wurden, bis auf einige in Privatbesitz.
Es ist als wahrscheinlich anzusehen, dass auch Funde aus dem 16. Jahrhundert und früher geborgen werden können, wenn bei späteren Arbeiten in tiefere Schichten vorgedrungen wird. Dies würde uns in die Lage versetzen, mehr Licht in die frühen Zeiten der Töpferei und des Lebens im Dorf Höhr zu bringen.

Literatur:
Falke, Otto v.: Das Rheinische Steinzeug, Neudruck 1977
Reineking v.Bock, Gisela: Steinzeug, Katalog des Museums für Angewandte Kunst, Köln
Gaimster, David: German Stoneware, London 1997
Kessler, Gerd: Zur Geschichte des Rheinisch-Westerwäldischen Steinzeugs der Renaissance und des Barock, 2002
Koscielniaczyk, Karl: Ortsgeschichte von Höhr, (Manuskript)
Beck, Ludwig: Die Familie Remy und die Industrie am Mittelrhein 1905


 
www.dzk-kannenbaeckerland.de

letzte Änderung: 02.01.2010