WESTERWÄLDER STEINZEUG - ein Material macht Karriere
Gerd Kessler

Das Töpferhandwerk im Mittelalter war im Wesentlichen ein ländliches Gewerbe. Naturgemäß haben sich Töpfer
in der Nähe von Tonvorkommen niedergelassen. Ebenfalls musste ausreichend Wald vorhanden sein, um den
Bedarf an Brennmaterial zu decken. Diese Voraussetzung in einem von Wasserläufen durchzogenen, hügeligen
Gebiet waren im südwestlichen Westerwald in idealer Weise gegeben. So finden sich die frühen Töpferöfen
überwiegend in leichten, nach Südwesten geneigten Hängen, wo der vorwiegend aus dieser Richtung herrschende
Wind die optimalen Zugverhältnisse für den Brand bot.

Grabungen an einer Reihe von Stellen im Stadtbereich von Höhr-Grenzhausen haben keramische Bruchstücke in
Braun- und Grautönen in großer Zahl erbracht, die in den Zeitraum 13. bis 16. Jahrhundert datiert werden können.
Chemisch-Physikalische Analysen haben gezeigt, dass sich in diesem Zeitraum der Übergang von der Irdenware,
der ungesinterten Keramik, zum Steinzeug, der voll gesinterten Keramik, im Westerwald vollzogen hat.

Die Vielzahl der Fundstellen und die Menge der Scherbenfunde lassen darauf schließen, dass schon im späten
Mittelalter die Töpfereien gewerbsmäßig betrieben wurden und die Ware auch außerhalb der engeren Umgebung
überregional vertrieben wurde.

Im Formenspektrum haben sich die frühen Töpfer des später so bezeichneten Kannenbäckerlandes weitgehend
innerhalb der Gestaltungsmerkmale der Töpfer des übrigen Rheinlandes bewegt. Hauptsächlich in Köln- Frechen,
Siegburg, Raeren und Brühl fand die Formenwelt der Gotik ihren Niederschlag. Auch der Einfluss der
ausgedehnten, bis in die spätrömische Zeit zurückreichenden Töpfereien im jetzigen Stadtgebiet von Mayen muss
hier in Betracht gezogen werden.

Eine umwälzende, für das Töpfergebiet des Westerwaldes äußerst fruchtbare Neuerung war die Zuwanderung
hochbegabter und bereits in ihren Herkunftsorten zu hohem künstlerischen Ansehen gekommen Meistern.
Kriegerische Auseinandersetzungen in den 1580er Jahren hatten die Töpferzentren in Siegburg, Raeren und
Frechen so in Mitleidenschaft gezogen, dass sich die dort seid Generationen Ansässigen nicht mehr in der Lage
sahen, ihren Beruf weiter auszuüben. Sie hatten sich im letzten Viertel des 16. Jh. dem in den Kölner Werkstätten entwickelten künstlerisch gestalteten Steinzeug immer mehr angenähert und diese zu einem für die Zeit hoch angesehener Keramik entwickelt. War bis dahin noch die gotische Formenwelt neben der für den täglichen Gebrauch passenden Formen vorherrschend, so wandelte sich die Stilrichtung konsequent zu der der Renaissance.

Für die Töpfer in und um die Dörfer Höhr, Grenzhausen und Grenzau war die Zuwanderung der Meister aus
Raeren und Siegburg ein Glücksfall. Obwohl in den ersten Jahren nicht von allen als solcher angesehen, muss dies doch aus späterer Sicht so gesehen werden. Die Ankömmlinge trafen auf Töpfer, die bereits die Technologie des Gefäßsteinzeugs beherrschten, jedoch nur rudimentäre Versuche der künstlerischen Gestaltung ihrer Erzeugnisse unternommen hatten. Innerhalb weniger Jahre, gegen Ende des 16. Jh, wandelte sich das Steinzeug des Westerwälder Kannenbäckerlandes vom einfachen Gebrauchsgeschirr zur künstlerisch gestalteten Gefäßkeramik unter weitgehend verwendeten Dekorationselementen der Spätrenaissance. Krüge und Kannen, bisher nur für den reinen Gebrauch bestimmt, bekamen plötzlich Verwendung als Zierelemente, begehrt von wohlhabenden Kreisen des Adels als auch der Bürger.

Die Verwendung des Kobaltblau und des Manganviolett lösten das satte Braun der Raerener Gefäße und die
weiße, teils unglasierte Oberfläche des Siegburger Steinzeugs ab und sorgten für das Westerwälder Steinzeug zu
einem ungeahnten Aufschwung. Die bisherigen Handelswege und Absatzgebiete der Raerener und Siegburger
Töpfer wurden von den Westerwäldern übernommen und weiter ausgebaut. Steinzeug als einzige voll gesinterte
Keramik -europäisches Porzellan war noch nicht erfunden -war jetzt sowohl zum Gebrauch als auch zur Zierde
verwendbar. Die ehemaligen Töpferzentren Raeren und Siegburg sanken durch die Abwanderung ihrer
prägnanten Töpferfamilien in ihrer Bedeutung.Innerhalb zweier Jahrzehnte hatte sich das Westerwälder Steinzeug des Kannenbäckerlandes zum begehrtesten in Europa und den Kolonien des Landes entwickelt.

Das Zusammenleben der zugewanderten und der einheimischen Töpfer sollte sich in den weiteren Jahren des 17.
Jh. segensreich für das Kannenbäckerland auswirken. Wandlung von der Renaissance zum Barock kam der
werkgerechten Gestaltung des Tons entgegen. Damit entstanden in der zweiten Hälfte des 17. Jh. Gefäße in der
Formensprache des Barock, mit denen das Absatzvolumen noch erweitert werden konnte. Wesentliche
Absatzgebiete dieser Zeit waren die Niederlande und England, über die auch beträchtliche Mengen Steinzeug in
deren Kolonien verschifft wurden. Grabungen in den Oststaaten der USA haben Scherbenmengen von Steinzeug
des Westerwaldes der Renaissance und des Barock zutage gefördert, wie sie nach Aussagen von Archäologen in
keinem anderem -Land Europas; - außer den Erzeugungsgebieten zu finden sind.

Die Werkstätten des Kannenbäckerlandes konnten mit immer neuen Zierornamenten wie die Ritztechnik, aber
auch mit Motiven, die der Nachfrage der Zeit folgten, wie Städteansichten auf Bierkrügen oder die Initialen
Britischer Monarchen auf Barockkrügen., ihre Dominanz auf dem europäischen und überseeischen Markt bis ins
18. Jh. hinein behaupten.

Mit dem Erscheinen von Porzellan haben sich die bis dahin beständigen Abnehmer des Adels und der
Bürgerschaft vorn verzierten Steinzeug des Barock abgewendet. Für die neue Kunstepoche des Rokoko war das
im Verhältnis zum Porzellan grobe Steinzeug nicht geeignet. Man besann sich auf die dem Steinzeug natürliche
Eigenschaften, nämlich der Härte, der Robustheit, der Widerstandskraft gegen die meisten aggressiven
Flüssigkeiten und die fast unendliche Langlebigkeit. Gegen Mitte des 18. Jh. gewann das Westerwälder Steinzeug wieder seine Bedeutung als Gebrauchsgeschirr im Haushalt, der Vorratshaltung und der Getränkewirtschaft.

Erst um die Mitte des 19. Jh, mit Einführung des Historismus, haben sich Teile der Töpferwerkstädte dieser
Richtung zugewandt. Von da ab kann man von zwei Richtungen der Keramikherstellung, der fabrikmäßigen und
der handwerklichen bzw. kunsthandwerklichen, sprechen.

Literatur:
Falke, Otto von: Das Rheinische Steinzeug 1908; 1977
Gaimster, David: German Stoneware 1200-1900; 1997
Kessler, Gerd: Zur Geschichte des Rheinisch-Westerwäldischen Steinzeugs der Renaissance und des Barock; 2002
Reineking von Bock, Gisela: Steinzeug, Kunstgewerbemuseum Köln 1971, 1976,1986
Solon, M.L.: The Ancient Art Stoneware of the Low Countries and Germany; 1892
Müller, H, Dippold C, Zühlke S., Scheja D.: Westerwälder Gebrauchsgeschirr von der Mitte des 19. Jh. bis in die 1960er Jahre, erschienen 2008

Gerd Kessler, Dokumentationszentrum Kannebäckerland (DZK)
Höhr-Grenzhausen im November 2013


 
www.dzk-kannenbaeckerland.de

letzte Änderung: 21.02.2017